Ein Grußwort des Gemeindepfarrers zum Pfingstfest 2021 (an dem übrigens um 10:00 Uhr am Paul-Schneider-Gemeindezentrum Präsenzgottesdienst gefeiert wird. Bitte ffp-2-Maske tragen. Anmeldung: 0171 49 30 49 4).

Liebe Gemeinde!

Manchmal herrscht Flaute. Windstärke NULL. Weder Segeln, noch Drachensteigenlassen funktioniert. Auch die Windräder bleiben still. Nichts rührt sich, alles bleibt unbewegt. Irgendwann kommt dann über Nacht Wind auf, ein starker Wind. Die Windräder drehen sich, Drachen fliegen in die Luft, Segler nutzen mit ihrer Erfahrung die Energien des Windes.

Geist heißt Wind.

Das Segeln ist ein starkes Bild für die Erfahrung des Heiligen Geistes. „Pneuma“ heißt in der griechischen Ursprache des Neuen Testamentes „Geist“ – und bedeutet Wind, Hauch, Atem. So wie der Wind in die Segel fährt, die Boote treibt, Drachen in die Luft steigen und Windräder sich drehen – so möchte der Geist Gottes in müde gewordene Menschenleben fahren.

„Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder“ – so schreibt es der Apostel Paulus an die Gemeinde in Rom (Römer 8.14).

Paulus schrieb diesen Brief etwa im Frühjahr des Jahres 56 nach Christus im Hause des Gaius in Korinth. Er kannte die Christen und die Gemeinde in Rom noch nicht persönlich, aber er hatte viel über sie erfahren. Was er ihnen über den Geist Gottes schrieb, das gilt für jede und jeden – und für alle Zeiten.

Auch wer sich schon länger als Christenmensch bekennt, weiß von Flauten im Glauben: Denn manchmal dümpelt das Leben einfach nur so vor sich hin. Die Luft ist raus. Wie bei einem Autoreifen ohne Luftdruck.

„Pneus“ nannte man früher die Autoreifen (und in der Schweiz heute immer noch). Wieder steht das griechische Wort „pneuma“ im Hintergrund. Es klingt vielleicht etwas schräg, den Geist Gottes mit Autoreifen in Verbindung bringen – aber vielleicht kennen wir ja die Redewendung, dass etwas nicht mehr „rund läuft“. Das kann zum Beispiel der Mangel an Geist Gottes sein.

Die Erinnerung an das erste Pfingstfest damals in Jerusalem kann die Sehnsucht nach dem Geist Gottes in uns wieder wach machen. Wer diese Sehnsucht kennt, ist schon ganz nahe bei der Wahrheit und der Erfahrung des Heiligen Geistes.

In der Kinderkirche damals hatten wir so genannte Merkverse. Ein Spruch davon ging so: „Wenn jemand um den Geist bittet, so erhört ihn Gott besonders gerne und schnell.“ Und Jesus hat gesagt: „Wie viel mehr wird er den Heiligen Geist denen geben, die ihn bitten.“

Geist heißt Kraft.

Die Bibel und viele Berichte von Christinnen und Christen auf der ganzen Welt erzählen immer wieder davon, dass Gottes Geist unser Leben in Fahrt bringt. Nein, er hetzt uns nicht, er macht uns auch nicht zu verrückten Schwärmenden, die dauernd etwas Besonderes brauchen. Aber er treibt uns nach vorne: Plötzlich bekomme ich wieder Freude an diesem guten alten Evangelium. Plötzlich entdecke ich wieder den Wert der Gemeinschaft mit anderen Christinnen und Christen. Ich bekomme Lust darauf, mich als Christenmensch zu „outen“. Mein Leben wird interessanter, weil ich mich bewusst an Jesus orientiere und immer wieder gern frage: „Was würde Jesus jetzt tun?“

Der Heilige Geist ist übrigens nicht mit irgendeinem menschlichen Geist zu verwechseln, aber der Heilige Geist ist ein Freund des Menschengeistes, darum möchte er ihn auch so gerne heil machen: Von der Arroganz der Oberschlauen. Von der Meinung, für alles die nötige eigene Kraft zu haben. Von der Selbstgerechtigkeit der Menschen, die scheinbar unbelehrbar von sich selbst überzeugt sind und keine Hilfe von Gott brauchen.

Und – was uns auch unzählige Berichte von Christinnen und Christen vor Augen führen: Der Heilige Geist kann uns auch dankbar dafür machen, dass Gott unser Leben berührt und uns zu seinem „Tempel“ macht. So steht es in der Bibel (1. Korinther 6,19).

Wer diesen guten Geist in sein Herz reinlässt (also in die Befehlszentrale, in den Verstand und sozusagen in das Organisationszentrum), der kann überraschend belebende Erfahrungen mit sich und dem Leben machen.

Geist heißt Gewissheit.

Man kann den Kopf voller kluger und sogar frommer Gedanken haben – und dennoch im Glauben nicht wirklich froh sein. Das ist so ungefähr, als wenn wir im Herzen „Sie“ zu Gott sagen – und nicht „Du“. Immer wieder treffe ich Menschen, die darunter sehr gelitten haben oder noch leiden. Ihr Glaube ist nur Theorie, eine Akte im Schrank, ein Haufen Papier.

Die Bibel erzählt davon, dass das innerste Geheimnis der Gottesbeziehung in der „Kindschaft“ liegt. „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder“ (Matthäus 18,3), so könnt ihr Gott nicht verstehen.

Pfingsten ist übrigens auch ein Geburtsfest. Das Geburtsfest der Kirche – oder treffender noch: Der Geburtstag der Gemeinde Jesu Christi. Pfingsten ist aber auch das Geburtsfest der Kinder Gottes. Die Kirche und Gemeinde der Christinnen und Christen wird geboren. Aber auch den einzelnen Menschen, die zu Gott kommen und um den Geist Gottes bitten, denen wird eine „neue Geburt“ geschenkt. Der Heilige Geist kehrt bei uns Menschen ein und spricht uns tief im Herzen die Gewissheit zu, dass wir Gottes Kinder sind. „Kind Gottes“ ist ein Ehrenname, der sogar Gänsehaut verursachen kann, wenn wir an seine tiefe und unverrückbare Wahrheit denken. Dieser Ehrenname gilt für Leute, denen der Abschluss der Hauptschule gerade noch so gelang – und genauso für eine Physikprofessorin oder einen Mitarbeiter bei „Ärzte ohne Grenzen“, die etwas wissen, kennen oder können, was ich nicht einmal im Ansatz verstehe. Ich habe einige solcher Menschen kennenlernen dürfen: Menschen, die unsagbar froh sind, dass sie „Kinder Gottes“ sind – und die den von Gott geschenkten Status „Kind Gottes“ für keinen Ehren-Titel dieser Welt eintauschen würden.

Es gibt einen alten Spruch der Seeleute: „Wenn der Wind weht, suchen manche im Hafen Schutz, während andere die Segel setzen!“

Haben Sie und habt Ihr Lust darauf bekommen, die Boote loszumachen, die Segel in den Wind zu stellen, hinauszufahren auf das offene Meer – und so das volle Leben zu entdecken, das mehr ist als Langeweile und Frust, sondern wirklich LEBEN?

Der lebendige Gott segne uns auf unserer Reise durch die Zeit. Amen.

Ihr & Euer Pfarrer Carsten Heß